Warum Journalismus in der 3. Welt uns voraus ist

15 junge Journalisten die freiwillig twittern und jede freie Minute auf Facebook verbringen: Was hierzulande unter Grimms Märchen fallen würde, ist in anderen Ecken dieser Welt gelebter Alltag.

Dies soll kein erneutes Bashing der todgeweihten deutschen Verlage werden, aber irgendwie muss in Deutschland einiges in den vergangenen Jahren grundlegend falsch gelaufen sein. Die 15 jungen (Print-)Journalisten, die das IIJ derzeit in Berlin für Online weiterbildet (und ich sie in Bewegtbild schule), würden in Sachen Social Media die meisten hiesigen Kollegen in die Tasche stecken.

Da ist die Kollegin von den Philippinen, die in den Pausen mit ihrem heimgebliebenen Freund per Skype telefoniert, der Kenianer, der sein Erspartes in eine Flip gesteckt hat, der Pakistani, der parallel mit drei Freunden auf Facebook chattet. Und all das, ohne dass wir Fortschrittskönige aus Europa dazu erst eine Präsentation gehalten, eine Social-Media-Guideline erstellt und mit fünf Abteilungsleitern über das Für und Wider diskutiert haben müssen. Sie machen es einfach. Ihnen fehlen oft die Grundlagen, wie sie diese Werkzeuge effektiv für ihren beruflichen Alltag einsetzen können. Aber die Saat ist fruchtbarer, als das, was viele unserer Journalistenschulen züchten.

Dabei stehen die Zeichen für Social Media nicht zum Besten in diesen Ländern: Die Kollegin aus Jordanien wünscht sich einen Hauch der deutschen Pressefreiheit, der Ghanese hat weniger Bandbreite in seinem Land, als die meisten deutschen Smartphone-Benutzer unterwegs haben und der Bengale schwärmt stolz von seinem chinesischen Blackberry-Imitat, welches er auf dem Schwarzmarkt für ein Monatsgehalt erstanden hat. Und in Vietnam fehlt das Geld für ein eigenes Video-CMS. Konsequenz: Alles wandert zu YouTube.

Bleibt also die Frage: Warum tun sich deutsche Journalisten so schwer mit diesem eigentlich nicht neuartigen Internet? Vielleicht hat der journalistische Wohlstand zu einer Berufsträgheit geführt, deren Endergebnis diese unbeschreibliche mediale Lethargie ist. Vielleicht werden wir Fortschrittskönige eines Tages neidisch in diese fernen Dritte-Welt- und Schwellenländer blicken. Oder den nächsten Social-Media-Kursus in Indien buchen.