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Worst of Pro (5): 2010lab.tv - Setzen, Sechs.

Noch wenige Tage und das Ruhrgebiet ist nicht mehr Europas Kulturhauptstadt 2010. Was bleibt? Zumindest das vergurkte Web-TV-Projekt 2010lab.tv. Die Ruhrbarone haben bereits mehrfach den Finger in die aus Steuergeldern bezahlte Wunde gelegt. Wenn ich mir das Portal unter Web-TV-Kritierien anschaue, würde ich gern eine ganze Packung Jodsalz draufschütten.

Der erste Eindruck ist dabei gar nicht so schlecht: Ein großer Videoplayer begrüßt den Besucher. In der rechten Spalte werden Serien angeteasert, im mittleren Bereich gibt's die neuesten Videos. Trotzdem: Das Navigieren auf der Seite gleicht dem Einkaufen auf der Rü in Essen - fürs Bummeln an Schönwettertagen ok, für ein echtes Kauferlebnis fahr ich lieber nach Düsseldorf an die Kö.

So schön groß der Videoplayer auch ist, so wenig Funktionen bringt er mit. Von einem öffentlich finanzierten Projekt erwarte ich eine Downloadmöglichkeit und mindestens eine Embed-Funktion. Doch selbst diese Minimalanforderungen vergeigt das Lab. Immerhin bespielen die Labber die üblichen sozialen Netzwerke. Twitter dümpelt mit knapp 800 Followern vor sich hin, ähnlich sieht es bei Facebook aus. Es gibt zwar einen eigenen YouTube-Kanal, die wenigen hochgeladenen Videos erreichen aber kaum dreistellige Abrufzahlen. Der Vimeo-Kanal findet quasi komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Sind die Videos für mobile Nutzung aufbereitet? Leider nicht. Keine HTML5-Unterstützung, auf iPad und Co. erhalte ich nicht mal eine Fehlermeldung: Der Videoplayer glänzt mit Abwesenheit und versteckt sich hinter einem schwarzen Nichts.

Neben diesen technischen Klogriffen leistet sich 2010lab.tv müde Inhalte. Kultur kann unglaublich spannend, auch für eine breite Masse sein. Nicht so das inhaltliche Angebot beim Lab. Zu viel Einerlei, zu wenig Einzigartigkeit. Positiv: "Ist das Kunst oder kann das wech" von Christoph Tiemann, der zwei seiner W-Team-Figuren aus seiner Serienzeit bei DerWesten aus der Umkleide geholt hat. Warum genau ein solches Format weder bei YouTube noch Facebook direkt landet, ist mir ein Rätsel.

2010lab.tv ist weder Fisch noch Fleisch. Die vielen Textartikel (!) wirken auf einem Videoportal deplatziert, für ein Videoportal fehlen allerdings einige grundlegende Funktionen. In der Grundschule würde der Zusatz "Sie haben sich bemüht" aufs Zeugnis kommen. Leider reicht das im Internet nur für eine Ehrenrunde.

 

Wie viel sind 35 Stunden YouTube-Material?

Das weltstärkste Videoportal rennt von Rekord zu Rekord. Nachdem im März 2010 bereits 24 Stunden neues Videomaterial jede Minute hochgeladen wurde, ist das Uploadverhalten der Nutzer nun explodiert. Ganze 35 Stunden Material finden jetzt pro Minute den Weg auf das Portal. Spannende Frage, nicht nur für Netzneutralitätsinteressierte: Welche Datenmengen sind denn überhaupt 35 Stunden Videomaterial?

Aufgrund der vielen unterschiedlichen Formate, Kodierungen und Auflösungen ist höchstens von YouTube eine verlässliche Zahl kommunizierbar.

Machen wir dennoch für einen Moment eine Pi-Mal-Daumen-Rechnung auf und stellen uns den Durchschnitts-YT-User vor.

Als Videoformat nehmen wir optimistischerweise mp4 (h.264) an mit einer moderaten Bitrate von 1500 KBit/s und klassischer SD-Auflösung. Macht bei einer Minute Material 9 MB an Daten. Macht bei einer Stunde 540 MB. Macht bei 35 Stunden 18,9 Gigabyte.

Das heißt: Pro Minute werden 18,9 GB Video hochgeladen. Pro Stunde damit 1,134 Terabyte. Pro YouTube-Tag: 27, 216 TB.

YouTube selbst wettet schon auf den nächsten Rekord, 48 Stunden neues Material pro Minute. Womit der Traffic dann Pi-Mal-Daumen bei 40 TB pro Tag liegt. Wer das Ganze für HD ausrechnen will: Einfach die Datengröße verdoppeln (nach Adam-Pi-Mal-Daumen-Riese).

Klein, aber fein: Video-Serie "Hauskonzert"

Ich muss gestehen: "Deutschlands junge Online-Zeitung" Zeitjung kannte ich bis gestern nicht. Dabei hat das Münchner Portal ein durchaus interessantes Videoformat im Programm. Bei "Hauskonzert" machen Musiker das, was sie am Besten können: Musik.

Aufmerksame Zuschauer bemerken sofort: Hier wird mit DSLRs gearbeitet. Genauer gesagt mit einer 7D und einer 550D, wie mir Stefan Zinsbacher von Zeitjung erzählt. Die Erklärung ist ebenso einfach:

Die Bildqualität, die Farbintenität, ist einfach überragend, "wie im Kino", wenn man einmal auf dieser Ästhetik ist, wirken die meisten anders gefilmten Bewegtbilder irgendwie fahl, schal und blutleer. Durch die tiefenschärfe hat man natürlich sehr intime aufnahmen, vor allem sehr nahe mit einem lichtstarken 50er-Objektiv können unglaublich gut das Gefühl eines Sängers transportieren. Außerdem sind die Cams so schön klein, dass man den Künstlern nicht mit überdimensionalen Aufbauten usw. Angst macht, in die intime Welt ihrer Lieder eindringt, sondern immer eine sehr private Situation beim filmen entsteht, in der auch die Musiker sehr entspannt sind.

Besonders bei derartigen Musikvideos ist der Ton kriegsentscheidend. Stefan setzt deswegen als On-Camera-Lösung auf das bewährte Sennheiser MKE400, für besten Klang wird die Musiksession aber mit einem externen Aufnahmegerät verewigt.

Rechtlich bewegen sich die Videos in einer Grauzone. Zwar liegt für jedes Video eine Erlaubnis der Plattenlabels vor und Probleme mit der GEMA gab es bis jetzt noch nicht. Hilfreich mag hier die Wahl YouTubes als "Sender" zu sein. Googles Weltsender liegt derzeit weiterhin mit der GEMA im Klinsch, eventuell anfallende Zahlungen müssten trotzdem vom Portalbetreiber erfolgen. Oder YouTube wird das eine oder andere Video in Zukunft löschen.

Fazit

Mir gefällt vor allem die intime Stimmung der Videos, obwohl wenn es manchmal etwas zu sehr wackelt. Eine Prise Bewegtbildphilosophie muss dann auch noch sein: Stefan beschreibt den Produktionsvorgang durchaus als journalistisch, insbesondere was die Vorbereitung auf das Hauskonzert angeht. Insofern hält er es nicht für kritisch, derartig geschönte und von der Realität oftmals abweichende Bilder zu drehen.

Facebook holt Livestream ins Boot

Eine kleine Meldung, die große Wirkung haben könnte: Livestream hat eine Facebook-App vorgestellt, mit der jedes Mitglied des Netzwerks per Knopfdruck live auf Sendung gehen kann. Zwar war es schon jetzt möglich, mittels Embed-Code einen bestehende Livestream auf Facebook einzubinden. Die Livestream.com-Lösung ist hingegen ungleich komfortabler. Selbst das im Vorfeld notwendige Erstellen eines Livestream-Accounts kann nun in Facebook erledigt werden. Die einzelnen Konten können dann auf eigene Facebook-Seiten verlinkt werden. Zum Senden an sich wird aber die kostenlose Procaster-Software von Livestream benötigt.

Technisch bleibt mit Livestream.com alles beim Alten: Weiterhin gelten die Einschränken für Nicht-Premium-Konten (z.B. max. 50 gleichzeitige Zuschauer bei "unverified accounts").

Von der kurzen Einrichtung abgesehen, war es noch nie einfacher, mit Video live auf Sendung zu gehen. Die Integration in Facebook, inklusive der Kommentarfunktion, Anbindung an die Pinnwand etc. wird Live-Video vielleicht den bis jetzt ausgebliebenen Erfolg im Netz bringen.

 

Alle Videomacht dem Volk

via nyvs.com

Auf dieses Video der BBC-Journalistin Victoria Holt bin ich bei Michael Rosenblum gestoßen. Was das Video so besonders macht?

Zunächst ist es trotz der 8 Minuten nie langweilig. Es ist exemplarisch für den durch Rosenblum geprägten VJ-Stil. Statt Off-Text erzählt der Protagonist, Sequenzen werden mit Five-Shot aufgelöst, gedreht wird aus der Hand. Generell ist die Technik eindeutig nicht das bestimmende Element des Beitrags. In Zeiten von zunehmend übergekünstelten DSLR-Videos sehr erfrischend.

Rosenblum selbst stellt im Blog die Frage: "What happens when you empower people with video?" Das obige Beispiel zeigt, wie wertvoll das Handwerk sein kann. Kein großes Kamerateam und Location-Scouts, nur ein "600 Dollar plane ticket from London to Rwanda" und eine Woche vor Ort.

Noch nie war es so einfach, so günstig und so lohnend für guten Journalismus, auf bewegte Bilder zu setzen. Ohne die heutigen Möglichkeiten wäre diese Ruanda-Geschichte nie erzählt worden.

So war das damals

Weil ich neulich gefragt wurde, was ich den früher (2007) so gemacht habe. Unter anderem dieses hier:

<p>Link: Willkommen im Untergrund</p>

Best of Pro (1): Bottom Out (Online Journalism Award 2010 - Video)

Wo Schatten ist, dort ist auch Licht: Es gibt sie, die guten innovativen Videogeschichten. "Bottom Out" zeigt in langen aber wertvollen 18 Minuten die Spielsucht Tony McDews in Las Vegas. Vom VJ gemachte Aufnahmen wechseln sich dabei mit selbst gedrehten Tagebucheinträgen des Protagonisten ab. Kein Hochglanz, keine Spezialeffekte, nur eine schön erzählte Geschichte.

(Der Video-Embed funktioniert leider nicht mit Chrome)

Die Las Vegas Sun hat zum Thema "Spielsucht" ein großes Special gebaut, welches Tony Geschichte nach allen Regeln der Kunst multimedial begleitet: Artikel über die Psychologie der Spielsucht, Google-Karte mit Treffen der Anonymen Spieler und eine virtuelle Slot-Maschine, die die Funktionsweise eben jener erklärt.

So sieht nicht nur guter Videojournalismus aus, so sieht guter Onlinejournalismus aus.

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