Filed under: Journalism

See all posts on Posterous with this tag »

Webvideos zwischen Qualität und Schnelligkeit

"Kann man sich als Online-Medium heute noch Quick&Dirty Video-Produktionen leisten?" Diese Frage stellte mir Dozenten-Kollege Joachim Vögele während unserer Schulungswoche mit jungen Journalisten aus Entwicklungsländern. Warum ich mit einem "Nein, aber..." geantwortet habe, verrät dieses kleine Video-Interview mit mir.

Drüben bei Joachim gibt es zudem ein Video der Kursteilnehmer zu sehen, welches mit einfachsten Mitteln (4:3 DV) und nach nur drei Tagen Schulung erstellt wurde. Weit von handwerklicher Perfektion entfernt, aber der erste große Schritt ist gemacht. Keep up the good work! 

It's all about quality, baby!

Manche Dinge muss ich wohl nicht verstehen: Einerseits fordern die großkopferten Medienbosse unaufhörlich Qualitätsjournalismus, ja erklären diesen sogar für überlebenswichtig im digitalen Zeitalter. Wenn es dann um bewegte Inhalte geht, stehen sie wie der Ochs vorm Berg und freuen sich über verwackelte Flip-Videos am Fuß des Kilimandscharos.

Ich verstehe auch einige geschätzte Medienkollegen nicht, die im Jahre 2010 weiterhin mager berarbeitete Winz-Videos als Pflichtprogramm für jeden Redakteur jeglicher Couleur fordern.

Um es klar zu sagen: Weder das Netz noch der Zuschauer braucht Webvideos nur um der Webvideos Willen. Es ist ein bisschen so wie die sprichwörtliche Sache mit dem Hund: Nur weil er es kann, leckt er sich die ... Anders ausgedrückt: Nur weil jemand in der Redaktion eine Kamera oder ein Handy mit rudimentärer Videofunktion hat, heißt es noch lange nicht, jeden Interviewgast vor die Linse zu locken. Früher nannten Journalisten das effektive Bespielen verschiedener Kanäle mit passenden Inhalten "Medienkonvergenz". Ein Begriff, der mir bei all den Diskussionen um "Crossmedia", "Multimedia" und Konsorten zu kurz kommt.

Dabei habe ich nichts dagegen, wenn Video-Aspiranten nach Einweisung und Schulung gelegentlich Videos von ihren Termin mitbringen. Nicht, um die Schlagzahl an Bewegtbild auf der eigenen Seite zu erhöhen, sondern um sich mit dem neuen Werkzeug vertraut zu machen. Was den meisten Kollegen leider fehlt, ist das Handwerk, aus wackligen Schwenks und Zooms ein journalistisches Produkt zu generieren, oder gleich auf gewisse Drehregeln zu achten. Und auf dieses Handwerk kommt es bei Webvideos besonders an. Was dem Textjournalismus, egal ob Print oder Online, seine Rechtschreibung und das Vermeiden von schiefen Bildern ist, ist dem Videohandwerk sein Blick für gute Bilder und ein durchdachter Videoschnitt. Nicht zu vergessen der Ton: Bei Bewegtbild sieht das Ohr mit.

Der Einsatz von Quick-and-Dirty-Videomaterial kann und darf nur der Beginn einer Qualitätsstrategie im Bewegtbildbereich sein. Die Zeiten, in denen schnelle Interview-Schnipsel beim Leser für ein interessiertes Seufzen gesorgt haben, sind vorbei. In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Qualitätsanspruch der Nutzer extrem gesteigert. Insofern ist der Spruch "Content is king" eine ähnlich leere Worthülse geworden, wie der Ruf nach "Qualitätsjournalismus".

Der Charme bei der Produktion von Webvideos liegt darin, Bewegtbild zu liefern, welches im klassischen Fernsehen nicht möglich ist. Eine schlecht gefilmte, auch noch so exklusive Pressekonferenz, bleibt eine schlecht gefilmte Pressekonferenz. Wer TV-Stilformen kopiert, muss sich an eben jenen messen lassen.

Exklusivität (sowohl generell als auch zeitlich) ist für viele Webvideo-Macher weiterhin ein schlagendes Argument. "Schließlich haben nur wir es." MIr greift die Argumentation zu kurz: Neben der weiterhin vorhandenen Vergleichbarkeit überschätzen viele Journalisten die Wertigkeit einer vermeintlichen Exklusivität. Würde man diese Erklärung konsequent verfolgen, müsste jede Jahreshauptversammlung mit Bewegtbild begleitet werden. Das dies keinen Sinn macht, ist offensichtlich. Dasselbe gilt für den Promi-Faktor: In Zeiten der medialen Überflutung, nicht zuletzt mit VIP-Content, verlieren prominente Inhalte ihren Gassenhauer-Effekt.

Die Schere zwischen Nutzererwartung und eigenen Ressourcen lässt sich nur mittels kontinuierlicher Fortbildung schließen. Sowohl im technisch-handwerklichen Bereich (Kamera, Schnitt) als auch im inhaltlichen Bereich (neue Erzählformen). Dies erfordert ein großes Maß an Experimentierfreude. Und den ausdrücklichen Wunsch, niemals mit der erreichten Qualität zufrieden zu sein.

Warum Journalismus in der 3. Welt uns voraus ist

15 junge Journalisten die freiwillig twittern und jede freie Minute auf Facebook verbringen: Was hierzulande unter Grimms Märchen fallen würde, ist in anderen Ecken dieser Welt gelebter Alltag.

Dies soll kein erneutes Bashing der todgeweihten deutschen Verlage werden, aber irgendwie muss in Deutschland einiges in den vergangenen Jahren grundlegend falsch gelaufen sein. Die 15 jungen (Print-)Journalisten, die das IIJ derzeit in Berlin für Online weiterbildet (und ich sie in Bewegtbild schule), würden in Sachen Social Media die meisten hiesigen Kollegen in die Tasche stecken.

Da ist die Kollegin von den Philippinen, die in den Pausen mit ihrem heimgebliebenen Freund per Skype telefoniert, der Kenianer, der sein Erspartes in eine Flip gesteckt hat, der Pakistani, der parallel mit drei Freunden auf Facebook chattet. Und all das, ohne dass wir Fortschrittskönige aus Europa dazu erst eine Präsentation gehalten, eine Social-Media-Guideline erstellt und mit fünf Abteilungsleitern über das Für und Wider diskutiert haben müssen. Sie machen es einfach. Ihnen fehlen oft die Grundlagen, wie sie diese Werkzeuge effektiv für ihren beruflichen Alltag einsetzen können. Aber die Saat ist fruchtbarer, als das, was viele unserer Journalistenschulen züchten.

Dabei stehen die Zeichen für Social Media nicht zum Besten in diesen Ländern: Die Kollegin aus Jordanien wünscht sich einen Hauch der deutschen Pressefreiheit, der Ghanese hat weniger Bandbreite in seinem Land, als die meisten deutschen Smartphone-Benutzer unterwegs haben und der Bengale schwärmt stolz von seinem chinesischen Blackberry-Imitat, welches er auf dem Schwarzmarkt für ein Monatsgehalt erstanden hat. Und in Vietnam fehlt das Geld für ein eigenes Video-CMS. Konsequenz: Alles wandert zu YouTube.

Bleibt also die Frage: Warum tun sich deutsche Journalisten so schwer mit diesem eigentlich nicht neuartigen Internet? Vielleicht hat der journalistische Wohlstand zu einer Berufsträgheit geführt, deren Endergebnis diese unbeschreibliche mediale Lethargie ist. Vielleicht werden wir Fortschrittskönige eines Tages neidisch in diese fernen Dritte-Welt- und Schwellenländer blicken. Oder den nächsten Social-Media-Kursus in Indien buchen.

Videopunkism goes international

Es gibt wenige Termine, auf die ich mich dieses Jahr so gefreut habe wie auf diesen: Die nächsten fünf Tage werde ich zusammen mit Journalistentrainer Joachim Vögele für das IIJ in Berlin 15 Kollegen fit für Webvideo machen.

Die Kursteilnehmer kommen von keiner mittelfränkischen Tageszeitung, einem Berliner Boulevardblatt oder einem Regionalsender aus Hintertupfingen: Sie kommen aus Zimbabwe, Indien, Pakistan, Jordanien, Vietnam, Philippinen, Indonesien, Ghana, Kenia und Bangladesch. Alles Länder, in denen das Ausüben der journalistischen Profession schwierig ist: Manchmal gefährlich, manchmal schlichtweg kaum finanzierbar, aber fortwährend ein unverzichtbarer Pfeiler für freie Meinungsäußerung.

Obwohl gewisses Handwerk für Webvideos unerlässlich ist, legen wir unseren Schwerpunkt auf das Vermitteln von Ideen, wollen aufwecken, fördern, direkt neue Wege aufzeigen. Ich bin sehr gespannt auf die bisherigen Erfahrungen der Teilnehmer. Und werde natürlich hier über dies oder jenes berichten.

Der @Videopunk schreibt ein Buch (mit)

Es gibt Sachen, die wollte ich schon immer tun. Neben zahllosen Sachen die keinen etwas angehen, gehört auch das schnöde Schreiben eines Buch dazu. Wie passend, dass der von mir sehr geschätzte Christian Jakubetz sich zur Herausgabe eben jenes entschieden hat. Nun gut, ich schreibe nicht das ganze Buch, sondern nur ein paar Seiten. Aber diese drehen sich ums Thema "Bewegtbild", und sowieso scheint das Buch eine wunderbare Ergänzung zu den oft angestaubten Journalismus-Handbüchern zu werden. Regelmäßige Updates zu dem Projekt gibt's drüben im Jakblog. Und wenn's dann soweit ist, auch hier.

Collapsus - Öko-Multimedia aus Holland

Wunderbares Multimedia-Projekt aus den Niederlanden (wenn auch mit reichlich US-Unterstützung), welches ich bis dato nicht auf dem Schirm hatte: In "Collapsus" geht es um eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe, hin zu alternativen Energiequellen. Das Thema mag dröge klingen, die Umsetzung ist es nicht. Produziert von Tommy Pallotta (für die innovative Technik bei A Scanner Darkly verantwortlich), spielt "Collapsus" mit verschiedenen Stilmitteln. Während die Geschichte fiktional ist, sind die eingestreuten Doku-Aufnahmen echt. Sie stammen aus einer niederländischen TV-Dokumentation.

Ohne weitere Worte: Einfach einen Abend in die Welt von Collapsus abtauchen. Es lohnt sich.

 

Update: Danke für den Hinweis mit den Access-Codes. Ich bin dran.

Einfach nur Journalismus

Neulich war ich zu Besuch bei der ard.zdf medienakademie in Hannover. Zwei Tage sollte es um Social Media gehen. Gekommen waren rund 50 Redakteure nahezu aller Sendeanstalten. Junge, aber auch gestandene Radio- und TV-Profis. Manche mit Netz-Erfahrung, einige ganz internet-jungfräulich.

Sie wollten von uns Referenten lernen: Was bedeutet Social Media für unsere Arbeit, wie können wir Facebook und Konsorten nutzen?

Zwei Tage diskutierten sie, berichteten aus ihrem Arbeitsalltag, lernten Neues, schmissen Altes über Bord.

Doch was mich am Tiefsten beeindruckte: Diese vermeintlichen Journalismus-Beamten, sie sprachen freier, ja begeisterter über ihren Beruf, als ich es je gedacht hätte.

Warum?

Weil keine der Diskussionen bereits im Kern mit Schlagwörtern wie "Refinanzierbarkeit" und "Vermarktbarkeit" erstickt wurde. Ja, das GEZ-gefütterte System hat viele Fehler und bedarf einiger Überholungen. Aber wenn jemand nur einen einzigen Grund für den Erhalt dieses Systems sucht, er hätte ihn dieser Tage in Hannover gefunden.

Man/frau mag es nicht glauben, aber während dieser zwei Tage ging es tatsächlich um Inhalte. Um das Erzählen von Geschichten, das Aufbereiten von Informationen, das Abbilden von Wirklichkeit, das Erklären des Alltags. Kurz gesagt: Es ging um Journalismus.

Niemand ist nun so naiv, und erklärt die öffentlich-rechtlichen Sender für problembefreite Zonen, für Miniversen der Glückseligkeit. Auch bei der ARD werden Zahlen beäugt, und beim ZDF Projektkalkulationen durch Ausschüsse und Gremien gejagt. Das sogenannte "Evaluieren" gehört zum Redaktionsalltag dazu. Ebenso wie Politik. 

Ich hoffe, dass die Teilnehmer den einen oder anderen aufgeworfenen Gedanken in ihren Sendeanstalten verbreiten. Eines haben sie mich auf jeden Fall gelehrt: Journalismus ist keine Frage des Budgets, des Parteibuches oder des Arbeitgebers. Es ist und bleibt eine Frage der geistigen Haltung. Ja, das klingt geschwollen. Und trotzdem ist es keinen Pfifferling weniger wahr.

 

Im Projektblog gibt es Videos, Texte und Fotos von den Teilnehmern und den Referenten, u.a. Paul Bradshaw, Mercedes Bunz, Katie King, Jens Schröter ...

 

 

Quo vadis, Webvideo? (2) - Progressive Videojournalism

Video ist Bewegtbild. Ob nun auf dem Flachbildschirm im Wohnzimmer, im Kinosaal oder auf dem Laptop-Bildschirm. Doch was wäre, wenn Video nicht mehr nur ein monomediales Erlebnis sein könnte - sondern ein sich stetig weiterentwickelnder Prozess? Ein Stück mediale Wirklichkeit, die zu leben beginnt?

Ein typischer Arbeitsablauf im Alltag eines VJs sieht wie folgt aus: Thema recherchieren, Drehplan anfertigen, Drehen, Schneiden, Publizieren. Dieser grobe Ablauf hat sich für alle Ausspielkanäle kaum geändert. Es ist das, was ich gemeinheim "Web-TV" nenne: Eine systemimmanente Linearität im Bewegtbild.

Brechen wir diese Linearität auf und befreien Bewegtbild aus dem selbstgewählten Käfig!

Im linearen Videojournalismus würde der Produktionsprozess nach dem Publizieren (Online stellen) sein Ende finden. Zwar wird das Video kommentiert, in einen Text eingebunden, verlinkt, bei Facebook ge-liked - aber es bleibt ein fertiges Produkt.

Im non-linearen Videojournalismus - oder an Jeff Jarvis angelehnt - Progressive Videojournalism - beginnt die wahre Arbeit erst nach dem Publizieren: Hinweise aus den Kommentaren führen zu einer Vertiefung der Geschichte, es tauchen neue Gesichtspunkte auf, die ins Video einfließen.

Beispielablauf aus dem News-Alltag: 

  • Rohversion mit minimalen Schnitten online stellen (Version 1)
  • Erste finale Version, geschnitten, z.B. mit Off-Text Version 2)
  • Neue Entwicklungen im Newsfall ergänzen Version 2 (Version 3)
  • Nutzer beteiligen sich an der Diskussion zum Video (Version 4)
  • usw.

Die aktive Weiterentwicklung dieses konkreten Bewegtbild-Rohbaus erfolgt also erst mit Version 4, wenn die Nutzer aktiv einbezogen werden.

Natürlich bedeutet diese Arbeitsweise mehr Kosten, natürlich mag diese Vorgehensweise auch für die Nutzer noch ungewohnt sein - weil es sich beim Bewegtbild bis dato um ein eher einseitiges Medium gehandelt hat. Der Blick nach YouTube zeigt aber, dass die interaktiven Möglichkeiten angenommen werden und bereichernd sein können: Googles Videoportal erlaubt das Kommentieren im Video selbst, das Erstellen von Video-Kommentaren zu einem bestimmten Video etc.

Achja: Wer im Netz nach journalistischen Beispielen für obiges sucht, wird nicht fündig. Schade.

Lohndumping Videojournalismus

Seit vier Monaten bin ich freiberuflicher Videojournalist. Zu früh, um ein erstes Fazit zu ziehen. Aber lange genug, um eines erkannt zu haben: Es gibt kaum einen Medienberuf in Deutschland, der mieser bezahlt wird, als ein Journalist mit Videokamera.

Dabei könnte die Ausgangslage so rosig sein: Aufträge gibt es in der Branche genug. Wer arbeiten will, kommt auch dazu. Nicht jeden Tag. Aber immer mal wieder. Warum also das Geheule? Weil oftmals selbst 20 Arbeitstage im Monat nicht für ein ordentliches Leben reichen würden. Der Knackpunkt liegt beim Tagessatz, nach denen VJs in der Regel bezahlt werden.

Beispiel gefällig? Vor gut zwei Monaten erhielt ich eine Anfrage, eine gewisse Veranstaltung filmisch zu begleiten. Nur den Tag über filmen und am selben Abend kurze Clips ins Netz feuern. 120 Euro zzgl. Mehrwertsteuer seien drin. Nach meinem anfänglichen Schock feuerte ich zurück: Ob das Ernst gemeint sei. "Ja, das sind doch übliche Marktpreise." Und leider, es ist so.

In NRW geht es noch vergleichsweise human zu: Wie mir Kollegen fortwährend bestätigen, sind durchaus 200 Euro pro Tag möglich. Allerdings ohne Spesen, das wäre dann doch luxus. In Berlin und Hamburg schaut die Lage noch brenzliger aus. Manche Kollegen gehen tatsächlich für unter 100 Euro am Tag vor die Tür. Und bringen - wie hätte es anders sein können - gleich ihr eigenes Equipment mit.

Man muss kein großer Mathematiker sein, um zu erkennen, dass dort etwas nicht passt. Jeder Freiberufler kann ein Lied davon singen, dass selbst bei "Vollauslastung" nicht viel übrig bleibt. Neben der Lohnsteuer und den (für freie Journalisten unverschämt hohen) Sozialabgaben muss auch noch die private Rente gesichert sein. Sonst landet man spätestens mit 67 beim Sozialamt.

Auch ich habe dieses Lohndumping während meiner Zeit als Video-Chef bei DerWesten gefördert: Freien Mitarbeitern, allesamt gelernte Video-Profis, habe ich 150 Euro am Tag gezahlt. Meine Entschuldigung: Mehr ist nicht drin. Und im selben Atemzug: Verlasst euch nicht auf ein Dutzend Tage im Moment. Seht es als Lückenfüller.

Dahinter steckt eine einfache Erkenntnis: Die Mischung macht's. Bietet euer Wissen breit gefächert an: Vorträge, Schulungen, schreibt meinetwegen ein Buch. Aber baut keine Existenz als drehender Tagelöhner auf.

Posterous theme by Cory Watilo