Schämt euch.

#Bloggergate ist da. Und kaum einer findet das Geschäftsgebaren der Beteiligten komisch. Anrüchig. Oder gar schlimm. Weder SEO noch die Untiefen der deutschen Blogosphäre sind mein Fachgebiet. Was ich aber einfach nur penetrant beschämend finde, sind die Reaktionen bei Twitter und in den Kommentaren auf Sascha Pallenbergs Artikel.

Wenn es um Meinungsfreiheit und den immerwährenden Kampf Blogger vs. Journalisten geht, wird die große Transparenzkeule geschwungen. Blogger sind ehrlich. Blogger sind vielleicht käuflich, aber das nach Ansage. Anscheinend viel heiße Luft, um das eigene Samariter-Ego zu streicheln. Meinen manche Blogger etwa wirklich, mit einer derartigen Janus-Haltung in den digitalen Himmel zu kommen? An Petrus Stelle würde ich diesen Möchtegern-Meinungsmachern einen kräftigen Arschtritt in den Keller verpassen.

Die Argumentation "aber das wird doch schon länger so gemacht und es machen doch eh alle mit" ist so löchrig wie ein Schweizer Käse. Es muss anscheinend immer Leute geben, die dummen Ideen mit ausgestrecktem Arm hinterherlaufen.

Schämt euch.

Der Human-Brand-Faktor: Interview mit Joe "Mystery Guitar Man" Penna

Er ist einer der erfolgreichsten Webvideomacher der Welt, ein echter YouTube-Star: Joe Penna aka Mystery Guitar Man lockt jede Woche Millionen von Nutzern vor den Monitor. Seine Bilanz bis jetzt: Mehr als 210 Millionen Gesamtabrufe und 1,7 Millionen Kanal-Abonennten.

Während der DLD in München konnten Kollege Julius Endert und ich Joe zum Video-Interview bitten. Warum Marken menschlich werden müssen und es keine Erfolgsrezept für Webvideos gibt, verrät der mysteriöse Gitarrenmann nach dem Betätigen des folgenden Play-Buttons.

(Nutzung des YouTube-Materials mit freundlicher Genehmigung durch Joe Penna.)

Die Sache mit den Webvideotagen oder: #wvt11

Es war etwas still hier und das wird es auch noch etwas länger bleiben. Die Entschuldigung findet sich manifestiert als Webseite unter Webvideotage.de. Wer das Projekt noch nicht auf dem Schirm hat: Wir (d.h. Stefan Evertz und Christoph Krachten) haben zusätzlich zum Videocamp eine kleine Preisverleihung für die besten deutschen Webvideos geplant. Und weil wir junges Netzvolk im Zeitökonomie-Unterricht in der Grundschule fehlten, haben wir kurzerhand das Planen mit dem Machen verwechselt.

Nun bleibt uns nichts anderes übrig, als diese kleine Preisverleihung über die im Kino nicht vorhandene Bühne zu bringen. Wer braucht schon Schlaf, Freizeit oder andere altmodische Dinge.

Was wir aber weiterhin dringend brauchen: Eure Unterstützung. Das Projekt ist eine non-profit-Aktion, mit dem gesammelten Sponsoring-Geld werden Lieferanten, Miete und Technik bezahlt. Wir ihr uns unterstützen könnt: Macht Werbung für www.Webvideotage.de, twittert es, bloggt euch die Seele aus dem digitalen Leib, legt euch ein Dutzend Facebook-Konten an und liked euch die Finger wund (oder besser nicht).

Für die optisch veranlagten Meinungsmacher folgen jetzt die offiziellen Logos (Danke an @cvonposer !) zur mannigfaltigen viralen Vertröpfelung im digitalen Gewässer.

(Special-Edition in transparent)

Es ist eine Lüge für den guten Zweck

Es war einmal ein Werbespot, der spaltete eine Region. So oder ähnlich wird man in wenigen Jahren über den Versuch dreier junger Sauerländer sprechen, ihrer Region einen Stempel aufzudrücken, der viel zu groß war.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht erneut auf das Wie, Was und Warum eingehen. Der Versuch ist löblich, das Engagement sicherlich erwähnenswert. Und dennoch schießt das Projekt meilenweit am Ziel vorbei.

Lauschen wir einem der Initiatoren bei WDR, wird schnell das ganze Debakel offensichtlich.

"Das ist ja Werbung und da ist häufig etwas gelogen. Es ist nicht ganz gelogen, es stimmt ja von Arnsberg. Und es ist ja eine Lüge für den guten Zweck."

Im Kern geht es darum, dass die im Spot angepriesenen, und nicht ganz ernst gemeinten Entfernungen nicht stimmen.

Es ist genau dieses Mantra, dass junge Leute scharenweise vor Werbung flüchten lässt. Es ist genau diese antiquierte Geisteshaltung, die in Zeiten des digitalen Wandels die sich verschiebende mediale Rezeption ignoriert. Und es ist genau der Grund, warum sich in Kürze keiner mehr an diese Aktion erinnert wird.

"Das Etikett soll nicht größer sein als der Sack."

Lukian (griechischer Satiriker)

Quelle: YouTube - Wie Spiegel Online sich ein Video "leiht"

Ted "Golden Radio Voice" Williams Teil 3: Erst eine Sensation in den USA, dann Ärger bei YouTube. Und jetzt das!

Was wird nicht viel dieser Tage wieder über Qualitätsjournalismus geredet, geschrieben und gedacht. Ohne diesen sei die Gesellschaft am Ende und liefern könne diesen ohnehin nur die bestehende Medienmischpoke. Dabei sollten sich die Verlage einfach selbst an die Nase fassen. Zur Qualität gehört auch, folgende Dinge möglichst gar nicht passieren zu lassen: Abschreiben, nachmachen oder sogar klauen.

Vielleicht sollte das mal jemand den Kollegen bei Spiegel Online sagen. In diesem Video wird die Story der goldenen Radiostimme zusammengefasst. Ein Blick in den Abspann verrät: Mit viel Bildmaterial von Reuters - aber vor allem YouTube. Verständlich - auf YouTube begann schließlich der Siegeszug des Phänomens mit dem Originalvideo. Konsequent, dass sich SpOn von dort bedient. Kostet nix. Und einen Urheber hat das Video auch nicht. Zumindest nicht laut Spiegel Online.

Das scheint der Urheber des Videos, die Columbus Dispatch, aber ganz anders zu sehen. Und hat deswegen mit einer, sicherlich fragwürdigen, Löschaktion bei YouTube losgelegt. Das braucht SpOn nicht zu interessieren. Weder im Off-Text noch per Einblendung wird auf die echte Quelle hingewiesen.

Und ich höre schon jetzt einige Unverbesserliche schreien: "Aber das ist doch Zitatrecht." Darüber mag sich streiten lassen. Unstrittig dagegen: Das ist ganz schlechter Stil. Und von Qualitätsjournalismus so weit entfernt wie Hamburg von Columbus.

Social-Media-Fail: Zeitung lässt eigenes Golden-Voice-Video sperren

Es hätte ein PR-Coup für den Columbus Dispatch werden können: Durch Zufall entdeckten sie Ted Williams, den Mann mit der goldenen Radiostimme. Dann schnappte sich jemand das Video, stellte es bei YouTube ein und kurze Zeit später ging es um die Welt. Jetzt hat die US-Zeitung das Video sperren lassen.

Keine Frage: Der Anspruch ist gerechtfertigt. Ich kann mir vorstellen, wie die Verlagschefs an die Decke gegangen sind, als die mehr als 12 Millionen Videoviews eintrudelten. Und zwar auf YouTube, nicht auf Dispatch. Dabei war das Problem hausgemacht: Der Videoplayer unterstützte kein Embedding. Und den gesamten ersten Tag unterschätzte die Dispatch-Redaktion sich selbst und versteckte das Video auf der Webseite.

Hätte The Dispatch nach dem Videoklau mitgespielt, wären sie mit einem blauen Auge davongekommen. "Hey, die Abrufe sind nicht unser. Aber die Story kommt von uns." Jetzt verweisen tausende Newsseiten und Blogs auf ein durch Columbus Dispatch gesperrtes Video. Ohne Link auf die Zeitungsseite oder auf den eigenen Videoplayer, der übrigens mittlerweile, wenn auch technisch schlecht gemacht, embeddbar ist.

Selbst im offiziellen Columbus Dispatch-Channel auf YouTube ist von der goldenen Stimme nichts zu hören und zu sehen. Diesen Kanal gibt es nämlich immer noch nicht. Leidtragender auf YouTube ist dafür die ähnlich benamte Zeitung The Dispatch aus North Carolina. Kommentare wie "What the fuck are you doing?" sind noch die freundlichen Beschwerden dort.

Gebracht hat die Löschaktion auf YouTube zudem nichts: Dutzende Nutzer haben das Video erneut hochgeladen. Und dieses Mal oft genug ohne Hinweis auf Columbus Dispatch als Urheber.

Update: Auf dem neu angelegten Channel hat die Dispatch nun das Originalvideo eingepflegt. Mit minimalen Abrufen und einer Lawine an negativen Kommentaren und negativen Bewertungen.

Happy End für The Golden Radio-Voice Ted Williams

Gestern noch obdachlos, heute ein Star in allen US-Medien. Ted Williams, der Mann mit der goldenen Radio-Stimme, zeigt beeindruckend, zu was das Internet fähig ist.

Alles fing mit dem Video des Regionalblattes "The Columbia Disptach" an. Auf dem Einkaufsweg fiel dem Dispatch-Videojournalisten Doral Chenoweth III das Pappschild mit der Aufschrift "I have a god-given voice" auf. Mehr oder weniger im Vorbeifahren packte Chenoweth die Videokamera aus und lieferte einen 97-sekündigen Beitrag über Mr. Williams.

(Update: Doch kein Happy End. Dispatch hat das Video bei YouTube sperren lassen.)

Der weitere Weg wird in die jüngere Social-Media-Geschichte eingehen: Ein anonymer Nutzer krallte sich das Video von der Dispatch-Seite und stellte es bei YouTube ein, Dank reddit kam die Lawine dann ins Rollen. Einen Tag später ist das Video bei mehr als 5 11 Millionen Abrufen angelangt.

Jede Social-Media-Geschichte braucht ein Happy End. Und das kam für Ted Williams nur wenige Stunden später. Dutzende Jobangebote trudelten beim Dispatch für The Golden Voice ein, kaum ein US-Medium, welches nicht über das Stimmwunder berichtet hat. Mit neuem Haarschnitt und tränengetränkter Stimme folgte der Auftritt in der "Early Show" bei CBS.

Nachdem Ted Williams nun ein Handy hat, kann er sich vor Jobangeboten nicht mehr retten. Das NBA-Team der Cleveland Cavaliers bietet ihm nicht nur einen Job, sondern direkt ein eigenes Haus als Bonus.

Unglücklich über die Entwicklung der Geschichte dürfte nur The Columbia Dispatch sein. Den gesamten Dienstag verschliefen die Kollegen die Tragweite der Story, selbst als das Video bei YouTube längst viral geworden war. Am Mittwochnachmittag wurde schnell ein Text nachgelegt und das Video auf die Startseite geschoben, ein Chat mit Videojournalist Chenoweth folgt. Die Masse der Abrufe wird aber weiterhin bei YouTube anfallen - leider lassen sich die Dispatch-Videos nicht extern einbinden.

Update: CNN hat ebenfalls berichtet und auch (kurz) Doral Chenoweth vor die Kamera gelotst.

Warum mit Videos nur "lousy pennies" zu verdienen sind. Und das egal ist.

Die einen sagen seit Jahren: Mit Webvideos kann man im Netz richtig Geld verdienen. Die anderen sagen: Webvideos sind ein reines Zuschussgeschäft. Recht hat keine Seite. Wenn es um die Monetarisierung von Bewegtbildern im Web geht, müssen neue Betrachtungsweisen her.

Der Webvideomarkt ist knallhart. Erfolg wird überbordend belohnt, strauchelnde Teilnehmer versinken schon bald in der Versenkung. Dies lässt sich anhand von einfachen Zahlenbeispielen schnell erklären. Die übliche Währung im Webvideobereich sind TKPs. Es wird ein Betrag X für jeweils 1000 Zuschauer bezahlt. Dieser Betrag schwankt, je nach Videoumgebung, Anzahl der zu erwartenden Zuschauer und Länge der Kampagne, mehr oder weniger stark. Als Zuschauer merken wir nur dies: Vor den vermarkteten Videos laufen Pre-Roll-Werbungen von 10 bis 30 Sekunden Länge. Seltener anzutreffen sind Post-Rolls im Nachgang oder Mid-Rolls mittendrin.

Was am Abend übrig bleibt

Nehmen wir eine typische deutsche mittelgroße Nachrichtenseite, wie es sie hierzulande in jeder Region zuhauf gibt. Nehmen wir an, im Monat werden 1 Millionen Videoabrufe verkauft und auch von den Nutzern erbracht. Nehmen wir weiterhin an, dass der durchschnittliche TKP bei 10 Euro liegt, nach Abzug aller Rabatte und Provisionen. Dann werden Dank 1 Millionen gesehener Videos 10 000 Euro umgesetzt. Auch jedem Nicht-Profi sollte klar sein, dass damit weder Angestellte, Investitionen, Fremdcontent noch eine eigene, weil lizensierte Abspielplattform, finanzierbar sind. Und nur mit Handyvideos lassen sich selbst bei YouTube keine Berge versetzen.

Der Ruf der Videovermarkter geht deswegen hin zu "mehr Reichweite". Schließlich lässt sich damit gut rechnen. Verzehnfacht die Abrufe und die Kasse klingelt. Wie man es dreht und wendet: Abgesehen von den großen Portalen ist für andere Mitspieler kein Blumentopf zu gewinnen. Eine Einkaufspassage lockt eben mehr Besucher an, als der Tante-Emma-Laden um die Ecke.

Wer die zur Refinanzierung benötigte Reichweite nicht erreichen kann, sollte seinen Laden schließen. Oder?

Die Mär von Selbsternährern

Hier beginnt der Denkfehler vieler Medienproduzenten und endet auch so manches Geschäftsmodell. Dabei: Wer hat jemals bestimmt, dass Bewegtbilder aus sich heraus zu ihrer Refinanzierung gemacht werden müssen? Nach dieser Logik müsste jeder Online-Text an diesem Modell gemessen werden. Ich empfehle hierzu das obige Rechenbeispiel, allerdings mit TKPs im marktüblichen einstelligen Bereich.

Webvideos werden, solange sich nicht grundsätzlich in der Vermarktung eben dieser etwas ändert, nicht Selbsternährer werden. Leider ist dies weiterhin die Maxime nahezu aller Videoanbieter. Doch dieser Weg birgt viele Gefahren. Auch wenn die Nutzung von Pre-Rolls mittlerweile bei den Websehern akzeptiert ist, führt der zahlenmäßige Missbrauch langfristig zu sinkenden Abrufzahlen. Und im Übrigen auch zu Frust beim Werbekunden. Der nett gedachte Spot zu einer kurzfristigen Aktion wird allzu schnell zum ungeliebten Vorhängeschloss. Oder würden Sie eine Werbebotschaft genießen, die Ihnen wochenlang bei jedem Videoabruf vorgesetzt wird?

Totengräber

Gefährlich wird es für den Journalismus. Zeitaufwändig recherchierte Videogeschichten sind teurer, als der schleichende Weg in den Boulevardjournalismus. Am Ende des Redaktionstages geht es nicht mehr um die Qualität eines Videos und seiner inhaltlichen Relevanz, sondern um seine Abrufzahlen. Wen wundert es, dass die drei großen Ts (TiereTittenTote) zunehmend in vermeintlich seriösen Webvideoversuchen Einlass finden.

Die Wirkung von Videos liegt ganz woanders. Sie sind nicht nur unverzichtbarer Bestandteil eines heutigen Internetauftrittes. Sie steigern die Verweildauer auf der jeweiligen Seite. Sie gehören zur Klaviatur eines modernen medienkonvergenten Journalismus hinzu.

Webvideo-Dilemma

Noch gibt es keine eindeutige Lösung für das Dilemma. Und solange es diese nicht gibt, kann ich jedem nur empfehlen, an den Grundfesten nicht zu rütteln. Mir sind 100 000 Abrufe auf ordentliche Videos lieber, als 10 Millionen Schaulustige oder Anhänger der Spaßgesellschaft, die eine videogewordene Bilderstrecke der Miss-NRW für gesellschaftlich unverzichtbar halten. Für lousy pennies sollte niemand sein Gewissen verraten. Sonst gräbt er dem Qualitätsjournalismus ein noch tieferes Grab. Und das sollte uns nicht egal sein.

 

Erster! Ein frohes neues Jahr 2011!

Einer muss ja damit anfangen. Und weil Sylvester Silvester mittlerweile genauso verkitscht ist wie Weihnachten und andere weltliche Feiertage, steht das folgende Video ganz im Zeichen der Zeit.

Posterous theme by Cory Watilo