Home»Viral»Interview mit Jan Winter, Präsident der Webvideopreis-Academy

Interview mit Jan Winter, Präsident der Webvideopreis-Academy

0
Shares
Pinterest Google+

Jan Winter, auch bekannt als Macher von „61MinutenSex“, ist der neue Präsident der Academy des Webvideopreis Deutschland. Er folgt damit auf Marie Meimberg, die zwei Jahre lang das Gremium geleitet hat. Welche Pläne hat er und was sagt er zur jüngsten Kritik am diesjährigen Webvideopreis?  

Broadmark: Die Webvideopreis-Academy spielt eine wichtige Rolle im deutschen Webvideo-Kosmos. Was ist eure Aufgabe?

Jan Winter: Es gibt verschiedene Rollen in der Academy: So gibt es die “normale” Academy und dann gibt es das Präsidium. Die Rollen sind im Grunde genommen so unterteilt, dass man im Präsidium eine gewisse Repräsentationsfunktion hat und gegenüber der Öffentlichkeit die Entscheidungen der Academy vertritt. Dazu gehört die Öffentlichkeitsarbeit, aber natürlich auch die Funktion als Ansprechpartner für die Mitglieder der Academy oder die Veranstalter. Man dient als Bindeglied. Damit können wir effizienter sein und müssen nicht alle Themen direkt mit jedem einzelnen Academy-Mitglied besprechen.

Broadmark: Ihr tragt einen großen Teil zum Webvideopreis bei und bestimmt unter anderem welche Videos und Personen nominiert werden. Was sind eure Kriterien?

Jan Winter: Das kommt natürlich sehr stark darauf an, um welche Kategorie es geht. Es ist ja eine ganz andere Geschichte, ob ich einen “Newcomer“ beurteile oder ob es um die Kategorie “Best Video of the Year” geht — wobei sich dies nicht ausschließen muss. Da werden ganz andere Maßstäbe angelegt und wie man im letzten Jahr gesehen hat, gibt es auch bei den Kategorien und Kriterien Veränderungen, die durch den Wandel in der Webvideo-Szene kommen.

Es gibt auch bestimmte gesetzliche Rahmenbedingungen, etwa die Einhaltung von Urheberrechten, die vom Veranstalter überprüft werden. Diese Bedingungen müssen eingehalten werden, um nominiert werden zu können. Sind dann diese Rahmenbedingungen erfüllt, diskutieren wir in der Academy die jeweiligen Einreichungen und gleichen diese ab. Dies geschieht dadurch, dass diejenigen, die bei der Nominierungsveranstaltung (Anm.d.Red: 11./12.02.2017) stimmberechtigt sind, ihre persönlichen Favoriten vorschlagen. Hierbei hat jedes Mitglied andere, subjektive Kriterien, nach denen man im Rahmen der jeweiligen Kategorie seine Entscheidung für einen Favoriten fällt. Anschließend diskutieren wir die jeweiligen Vorschläge, um daraus die Nominierten festzulegen.

„Es gibt eine Professionalisierung auf allen Ebenen.“

Broadmark: Im vergangenen Jahr gab es viel Trash und Skandale, insbesondere auf YouTube. Man hat das Gefühl, dass die Qualität deutlich nachgelassen hat. Wie beurteilst du das? Und welche Herausforderung bedeutet diese Entwicklung für die Academy bei der Wahl der Nominierten?

Jan Winter: Erstmal ist es so, dass auch solche „Trash“-Videos eingereicht werden und wir uns als Academy fragen: Ist das nominierungs- und damit auch auszeichnungswürdig? Auch da sind solche Videos natürlich im Gespräch und sind nicht grundsätzlich ausgeschlossen, nur weil es um einen Skandal oder Ähnliches geht. Lediglich Videos, die gegen die Statuten verstoßen (Anm. der Red: Mehr dazu in der Academy-Konstitution) und rechtsextreme, rassistische oder menschenverachtende Inhalte verbreiten, werden selbstverständlich ausgeschlossen.

Diese Trash-Videos geraten aber gar nicht so sehr in den Fokus, da es sehr viel qualitativen Content gibt, der stärker aus der Masse heraussticht und auszeichnungswürdig ist.

Broadmark: Dennoch gibt es ja aktuell einfach diese Entwicklung, dass Trash-Inhalte sehr beliebt sind und millionenfach geschaut werden. Wie beobachtest du abseits deiner Arbeit in der Webvideopreis-Academy diese Entwicklung?

Jan Winter: Es ist so, dass sich Webvideo in den vergangenen Jahren sehr stark in eine trashige Richtung entwickelt hat – zumindest was die öffentliche Wahrnehmung angeht. Deshalb ist dies eine Entwicklung, die ich mir genau anschauen muss, da der Trash-Content einfach sehr häufig geklickt wird und es somit ein Interesse an diesem zu geben scheint. Das Ganze ist aber nicht viel mehr als das, was wir bereits seit Jahrzehnten aus der normalen Fernseh- und Medienwelt kennen. Webvideo ist nur ein neues Medium, wo die Leute sich mehr ausprobieren können und die Regeln noch nicht so fest definiert sind, wie zum Beispiel im TV. Deshalb ist der Markt gerade dabei, sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Deshalb finden jetzt auch immer andere Projekte wie zum Beispiel das soziale Engagement einiger YouTuber statt, die dem trashigen Content auch entgegenwirken.

Das ist ein dynamischer Prozess, der ganz natürlich ist. Ein neues Medium poppt auf, da entsteht zwischendurch auch mal Mist und dann definiert nachher die Gesellschaft der Webvideo-Produzenten und -Konsumenten, was sich auf Dauer trägt. Hier geht meiner Meinung nach die Tendenz in eine gute Richtung, da es zum Beispiel mehr Projekte mit sozialem Engagement gibt.

Broadmark: Neben der Webvideoszene an sich hat sich auch der Webvideopreis in den letzten Jahren stark gewandelt. Wie bewertest du diese Veränderungen?

Jan Winter: Es gibt eine Professionalisierung auf allen Ebenen. Von der Nische hat sich die Webvideowelt zu einem Massenmarkt entwickelt und genau das ist es: Die Masse schaut sich inzwischen Webvideo an. Dadurch hat sich in den vergangenen Jahren auch der gesamte Markt verändert, weswegen es nur angemessen ist, dass sich auch der Webvideopreis professionalisiert und breiter aufstellt. Wenn man sich den Markt heute anschaut, ist der Webvideomarkt nicht nur wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutend, sondern bestimmt das Leben von vielen Menschen, die darin arbeiten oder sich Webvideos anschauen. Diese große Bedeutung muss dann auch in einem entsprechenden Rahmen gewürdigt werden.

„Kommunikation ist in meinen Augen etwas, für das alle Beteiligten verantwortlich sind.“

Broadmark: Auch wenn der Webvideopreis weiter wächst, gab es kürzlich laute Kritik nach der Bekanntgabe der Nominierten…

Jan Winter: Als die Kritik am Auswahlverfahren laut wurde, war bereits das Ergebnis bekannt. Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt, da immer Zweifel aufkommen. Wurde wirklich das Auswahlverfahren kritisiert, oder lediglich das Ergebnis? Darüber kann ich mir leider kein abschließendes Bild machen. Keiner der Beteiligten hat diese Kritik dem Präsidium gegenüber geäußert. Und zwar weder vor der Nominierungsveranstaltung, noch danach.

Dass die Entscheidungen der Academy kritisiert werden ist nicht neu. Letztes Jahr war „die Berliner Clique“ angeblich viel zu oft nominiert. Dieses Jahr sind es diejenigen, die nicht im YouTube-Kosmos zu Hause sind.

Broadmark: Es gab auch von einigen Academy-Mitgliedern selbst Kritik, die unter anderem fehlende Transparenz und die interne Kommunikation bemängelten. Inwiefern wurden hier vielleicht auch von Seiten der Academy oder des Veranstalters Fehler begangen?

Jan Winter: Wenn mir das Vorgehen des Veranstalters nicht passt, oder etwas unklar ist, dann frage ich dort nach. Bis jetzt hat sich auf diesem Wege in den letzten Jahren alles klären lassen. Es ist keine Schande, wenn jemand Informationen übersieht, oder etwas anders versteht. Problematisch wird es erst dann, wenn man die Verantwortung abgibt. Nämlich dann, wenn mir jemand alle Infos auf dem Silbertablett servieren soll. Das kann nur zu Missverständnissen führen.

Kommunikation ist in meinen Augen etwas, für das alle Beteiligten verantwortlich sind. Wenn wir aufhören, die Fehler beim Anderen zu suchen und stattdessen den Fokus darauf legen gemeinsam etwas Positives zu erreichen, dann ist damit allen geholfen. Emotionen spontan rauszulassen ist auf YouTube Teil der „broadcast yourself“ Kultur. Das dort sowohl Freude, als auch Ärger ihren Platz haben ist nicht verwunderlich.

Broadmark: In Folge der Kritik gab es zuletzt sogar Morddrohungen an die Veranstalter des Webvideopreis…

Jan Winter: Es zeigt, dass die Situation emotional sehr aufgeladen ist und manche Menschen dabei jede Grenze aus dem Blick verloren haben. Ich persönlich biete Menschen, die mich bedrohen den Dialog oder auch ein Treffen an. Bei jährlich ca. 300 Morden und mehr als 3.000 Verkehrstoten stellt sich mir vor allem die Frage, wer von Angst profitieren würde.

Broadmark: Hinsichtlich des Webvideopreis 2017 ist bereits Vieles festgelegt. Was sind trotzdem die Konsequenzen aus den jüngsten Ereignissen? Wie möchte die Academy damit in Zukunft umgehen?

Jan Winter: Jeder aus der Academy hat die Möglichkeit sich – je nach Thema – an mich oder an den Veranstalter zu wenden. Alles, was gesammelt wird, fließt in die Planung für das nächste Jahr mit ein, sobald diese beginnt.

„Ich persönlich erhoffe mir, dass die Menschen sehr viel mit dem Herz dabei sind!“

Broadmark: Neben den Planungen für das nächste Jahr steht erst einmal der Webvideopreis 2017 an. Du vertrittst dabei dieses Jahr die Academy als Präsident. Was bedeutet das für dich persönlich?

Jan Winter: Ich bin unglaublich dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird von den Menschen, die in der Webvideo-Szene so eine große Bedeutung haben und Teil der Academy sind. Das ist natürlich auch eine große Verantwortung, die ich gerne annehme und denke, dass es wichtig ist, nun gemeinsam einen guten Weg zu gehen.

Ich finde es persönlich außerdem wichtig, die soziale Verantwortung und die Professionalisierung in der Szene weiter voranzutreiben, viel mitzubekommen, was hier passiert, um dann Impulse setzen zu können. Das finde ich unglaublich toll!

Broadmark: Was planst du während deiner Präsidentschaft? Welche Themen möchtest du anpacken?

Jan Winter: Der erste Schritt, den wir bereits vorbereiten, ist, dass wir den unerfahrenen Webvideoproduzenten, die noch neu in der Branche sind, Unterstützung bieten möchten. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein erfahrener TV-Moderator ist oder als 14-Jähriger einen viralen Hit landet, aber noch nie ein Interview gegeben hat oder auf einer Bühne stand.

Wenn wir das Ganze aus der Sicht der Academy betrachten, gibt es in diesem wachsenden Markt, für die “Kleinen”, die an Bedeutung gewinnen, sehr viele positive, aber auch negative Einflüsse. Wir möchten aus diesen Gründen diejenigen, die nicht gelernt haben, damit umzugehen, unterstützen und helfen in der Webvideolandschaft besser Fuß zu fassen.

Broadmark: Welche Maßnahmen plant die Academy konkret?

Jan Winter: Die Grundlage ist erst einmal, Aufklärung zu leisten. Wir haben zum Beispiel entschieden, FAQs für Webvideomacher zu erstellen, die neu mit dem Webvideopreis in Kontakt kommen. Durch die FAQ soll es den unerfahrenen Webvideoproduzenten erleichtert werden, den Umgang beispielsweise bei einer Nominierung zum Webvideopreis besser zu verstehen und zu verarbeiten. Ganz konkret möchten wir in diesen FAQs deshalb beantworten, was passiert, wenn man nominiert ist, was passiert, wenn man gewonnen hat und was passiert auch, wenn man nicht gewonnen hat.

Die FAQs sollen dabei auf jeden Fall noch dieses Jahr erscheinen, um die diesjährigen Nominierten zu unterstützen. Zudem haben die Nominierten auch die Möglichkeit, sich bei Fragen an mich oder eine Arbeitsgruppe innerhalb der Academy zu wenden.

Broadmark: Das klingt doch auf jeden Fall vielversprechend. Was erhoffst du dir ansonsten für das weitere Webvideo-Jahr 2017?

Jan Winter: Ich persönlich erhoffe mir, dass die Menschen sehr viel mit dem Herz dabei sind, bei dem was sie tun. Solange sie vom Herzen her handeln und sich davon antreiben lassen, gehen auch die richtigen Impulse davon in ihre Arbeit ein. Ich denke, dass das wichtig ist, denn die Verantwortung, die wir als Webvideoproduzenten in diesem Bereich haben, wird immer größer. Wenn das geschieht, schauen wir in eine wunderbare Zukunft.

Broadmark: Vielen Dank für das Interview.

Beitragsbild von Jan Winter

Anmerkung: Broadmark ist Teil der European Web Video Academy, die den Webvideopreis veranstaltet. Die redaktionelle Arbeit Broadmarks ist aber unberührt von der Veranstaltung Webvideopreis und unabhängig.

Previous post

Zum Tode der MCNs

Next post

Mike Singer live beim Webvideopreis Deutschland!

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.